Ian McEwan «Kindeswohl», Diogenes Verlag 2015

Ian McEwan, geboren 1948, ist einer der berühmtesten britischen Gegenwartsschriftsteller. Abbitte, Zementgarten, Liebeskrank..um nur einige seiner Romane zu nennen. Ich kenne sie alle und bin ein großer Fan dieses sehr fleißigen und klugen Autoren. Eigensinnig und detailreich sind seine Geschichten. Er geht den Dingen wirklich auf den Grund und hat zum Beispiel für seinen Roman Saturday, in dem es um einen Neurochirurgen geht, der in den politischen Tumulten und den Auswirkungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 unsicher und ängstlich die Geschehnisse verfolgt, selbst einen längeren Zeitraum in der Neurochirurgie verbracht. Er wollte diese Menschen, die so einen Beruf wählen – sehr diszipliniert und akkurat ausgeprägt – studieren und beschreiben. Auch dieser Roman eine unbedingte Empfehlung meinerseits.

Aber ich will über seinen neu erschienen Roman « Kindeswohl » berichten. Ich hatte das Glück und die Freude den Autor und die Vorstellung seiner Neuerscheinung in den Berliner Festspielen live zu erleben. Und, ich war schnell. Das Buch war gerade erst zwei Wochen auf dem deutschen Markt und ich wollte es gelesen haben, bevor die Veranstaltung stattfand. Und so war es ein besonderes Erlebnis für mich. Ich steckte noch mitten in dieser Geschichte, ich hatte noch die Musik in den Ohren, die eine große Rolle spielt und war noch ganz bei den Protagonisten und ihren Erlebnissen. Ein heikles Thema hatte er sich da gewählt. Er beschreibt den Konflikt zwischen Religion und weltlichem Recht vorrangig durch die Hauptperson, Fiona Maye, Richterin am Londoner High Court, die sich mit komplexen und schwierigen Familienangelegenheiten beschäftigt. Fiona hat sich einen Namen gemacht bei Gericht durch ihre ruhige, sachlich kompetente und erleuchtende Art. Ian McEwan hat verschiedenste Fälle studiert und verarbeitet sie erzählerisch über seine Hauptperson. Da gibt es ein siamesisches Zwillingspaar, dessen Eltern die Trennung der beiden Kinder strikt ablehnen – aus religiösen Gründen – obwohl das den sicheren Tod beider Kinder bedeuten würde. Kein Eingriff von Menschen Hand, sagen die Eltern und begründen dies mit Gottes Willen. Fiona entscheidet als Richterin die Kinder zu trennen und rettet damit das Leben des einen und verordnet damit aber auch den Tod des anderen Kindes. Und Fiona liebt die Rechtsprechung und glaubt fest an die Gerechtigkeit der Entscheidungen.

Und so wohnen wir einigen Fällen, die mal mehr mal weniger heikel sind, bei. Ich habe mich manchmal gefühlt, als sei ich im Gerichtssaal dabei, als wäre ich anwesend, wenn Fiona ihre klugen und fundierten Urteile fällt. Die Atmosphäre, die Intensität und die Wärme; das alles hat so etwas beruhigendes, übergeordnetes. Man fühlt sich behütet, weil von einer gebildeten Obrigkeit über das Wohl aller entschieden wird.

Der Fall, der im Mittelpunkt steht ist äußerst komplex. Der siebzehnjährige Adam Henry ist an Leukämie erkrankt und braucht dringend eine Therapie. Aber um diese zu überleben, müsste man ihn mit Fremdblut versorgen-Blutkonserven. Adam und seine Eltern sind strenge Vertreter der Zeugen Jehovas und deren Glaubensregeln lehnen strikt das fremde Blut ab. Die behandelnde Klinik stellt bei Gericht einen Eilantrag, um die Behandlung gegen den Willen der Eltern auszuführen. Adam ist kurz vor seinem 18 Geburtstag. Aber eben kurz davor und damit kann ein Gericht entscheiden, auch gegen den Willen der Eltern, dass er behandelt wird.

Und Fiona muss jetzt schnell entscheiden, weil es um das Leben dieses jungen Menschen geht. Wir sind anwesend, während sie das für und wider abwägt, erleben die Eltern, die ihr Kind für ihren Glauben opfern würden und diese Entscheidung mit religiöser Würde versuchen zu vertreten. Und Adam? Er will sterben – aber eher als Märtyrer. Ian McEwan ist ein kunstfertiger Autor, der diese Szenen mit Perfektion und auf allen Ebenen zu erzählen weiß.

Es geht um die Auseinandersetzung zwischen kirchlichem und säkularem Recht, auch darum welche Konflikte Moral und Gesetzgebung fokussieren. Die Gesetzgebung ist klar und eindeutig, eine Norm, die sich auf ein funktionierendes Gemeinwohl beziehen kann. Dagegen ist die Moral etwas sich immer wieder individuell erneuerndes. Dazwischen schwankt Fiona und man bemerkt relativ schnell, das sie sich sehr viel wohler fühlt in der Welt der Regeln und Akten und in den emotionalen Bereichen eher unsicher ist.

Nicht ganz unwichtig ist es, das Fiona auch privat mitten in einer Krise mit ihrem Mann steckt und auch dort lieber rational als emotional reagiert. Auch wenn ihr das nicht so recht gelingen will, da sie eine emotional ausgeprägte Person ist.

Dies bemerkt man sehr subtil unter anderem, als sie den jungen Adam im Krankenhaus besucht, um sich selbst ein Bild zu machen. Aber auch, wenn Fiona über Musik spricht oder sie selbst spielt. Der Autor beleuchtet seine Heldin unter all diesen Umständen feingliedrig und menschlich so nah, das wir mit ihr fühlen, uns in ihr finden und auch nicht.

„Nach meiner Überzeugung ist sein Leben mehr wert als seine Würde.“ Der vielleicht wichtigste Satz in diesem Roman. Und eigentlich wäre damit alles in bester Ordnung und mit besten Gewissen alles entschieden. Eigentlich. Ihr könnt gespannt sein, denn das ist noch nicht das Ende.

 

 

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