“Ich glaube an nichts mehr, außer an Wunder“ oder “ Die Freiheit des Denkers“

„Mein Leser ist mir zum Verwechseln ähnlich. Er ist nicht die Frau des Vorstandsvorsitzenden. Er gehört nicht zur Elite. Es wird jemand sein, der völlig spiegelbildlich dem Autor entspricht. Einsamkeit plus Einsamkeit.“

(Zitat: Botho Strauß)

Ich habe einen Freund und eine Bibliothek; so beginnt die Geschichte.

In meinem kleinen Literaturcafé habe ich vor einigen Jahren eine antiquarische Bibliothek eingerichtet. Wie es der Zufall wollte, las ich eine Anzeige, in der jemand einen Internetbuchladen auflösen und über 400 Bücher zum kleinen Preis abgeben wollte. Ich telefonierte und das Geschäft war beschlossen. Es waren zwei gesamte Transporterladungen Bücher, die ich erst mal in eine alte Gartenlaube brachte, um sie dort zu sortieren. Die gut erhaltenen kamen in meine Bibliothek. Ich richtete ein einfaches Ordnungssystem ein – nach Ländern und alphabetisch nach Autoren. Es gab viele alte Ausgaben, die ein wenig nach Keller rochen, Wasserflecken hatten oder zerschlissen waren. Der Raum wirkte anders, durch diese vielen Bücher. Ich ging an den Regalen entlang und betrachtete meine neuen Schätze. Bücher, als Schmuck, ging es mir durch den Kopf. Aber jedes Buch hatte zwei Buchdeckel und dazwischen war der eigentliche, der wahre Schatz verborgen. Wie viele und vor allem was für Geschichten waren darin verborgen? Was für Menschen steckten hinter diesen Geschichten und was hatte sie veranlasst, sie aufzuschreiben? Der Lebenslauf hinter diesen Büchern interessierte mich. Was waren das wohl für Menschen, die sie verfasst hatten? Gab es einen Prototyp, namens Schriftsteller? Welche Hoffnungen hingen daran, wie viel Zeit wurde verwendet und wie viel Herz und Seele waren damit verbunden?

Ich dachte bei mir, dass sie es alle verdient hätten gelesen zu werden. Ob ihre Autoren nun bekannte Persönlichkeiten wären oder nicht. Ich betrachtete die Bücher genauer. Manche Autoren kannte ich, von manchen hatte ich schon mal gehört und andere waren mir völlig fremd. Nun konnte ich unmöglich all diese Bücher lesen und mich auch noch zusätzlich mit den Biographien dahinter beschäftigen. Aber dann hatte ich eine Idee. Einen Querschnitt, ein Experiment sozusagen. Ich nahm mir, ohne hinzusehen völlig ungezwungen zehn Bücher aus den Regalen. Ich wollte ein Gesicht zu diesen Büchern, ja eine Verbindung zu den Autoren herstellen. Und so, führte mich der Zufall oder vielleicht besser gesagt, das Schicksal zu Botho Strauß. “Paare und Passanten“ war eins dieser zehn Bücher. Ich hatte schon von ihm gehört. Ein Krawallautor aus der 68-iger Generation, der Anfang der 90-iger Jahre heftig in die Kritik geriet. Ich hatte sein umstrittenes Essay “Anschwellender Bockgesang“ gelesen und verstand weniger, als die Hälfte dieses Textes. Kurz gesagt, ich war damals Anfang zwanzig und mir war der Zugang verwehrt. Zehn Jahre später sollte sich dies ändern.

Jetzt komme ich zu meinem Freund. Ich bin mir gar nicht sicher, ob in diesem speziellen Fall, das Wort Freundschaft, das Verhältnis zu diesem außergewöhnlichen und besonderen Menschen beschreiben kann. Geistes – vielleicht sogar Seelenverwandtschaft trifft es vielleicht besser. Etwas, das es nicht so oft zwischen Menschen gibt und das mich an die Grenzen meiner Worte und Beschreibungsmöglichkeiten führt. Überhaupt muss ich oft darüber nachdenken, ob es diese Grenzen der Worte wirklich gibt oder ob es sich um noch nicht erklommene Horizonte handelt, die es noch zu erlernen gilt. In semantischer Hinsicht (Bedeutungslehre)sind Wörter kleinste, relativ selbstständige Träger von Bedeutungen. Die Bedeutung von Wörtern wird aber von ihrem Äußerungskontext mitbestimmt und ist deshalb nicht ohne weitere Untersuchungen erklärbar. Aber was heißt das genau? Wir können uns ausdrücken. Wir können sachliche, aber auch seelische und nicht fassbare Stimmungen, Gefühle und Erlebnisse mitteilen und damit ein Bild unseres Lebens zeichnen. Die Sprache ist also ein Mittel der Verständigung und des Austausches und die Grenze, die individuell beherrscht wird und damit veränderbar ist, ist ein Zeichen von Erziehung, Bildung und Geisteshaltung.

Mein Freund ist ein gutes Beispiel für die Sprengung der Grenzen. Seine Sprache erschien mir neu, unverklärt und rein. Jedes einzelne Wort hatte eine ganz eigene Anziehungskraft und Energie. Man fühlte sich unweigerlich angezogen.

Ein deutschsprachiger Autor aus Kiel mit dem Künstlernamen “Klavki“. Ich hatte das große Vergnügen und die Ehre vor einigen Jahren eine Lesung mit diesem Autor zu organisieren. Er hatte sich in der Poetry Slam Szene einen Namen gemacht.

(Poetry Slam – ‘Dichtung‚ und Zuschlagen‘ als literarische Strömung. Eine interessante These.)

Aber “Klavki“ war nicht frech, fordernd und laut, wie viele, denen diese neue Form der Literatur eine Plattform gab, sondern er war leise und bedacht in diesem neuen Jubel und Trubel des Literaturbetriebes. Und er las Lyrik. Ich war fasziniert von dieser Ehrlichkeit, von dieser Reinheit der Sprache und welche Wirkung jedes einzelne Wort besitzen kann. Bei einem Projekt – Schrift im Land – suchte er einmal mit groß aufgestellten Leuchtbuchstaben einen Menschen oder fragte “Wer hat Herz genug?“ Klavki, alias Oliver Eufinger hatte Krebs im Endstadion, als ich ihn kennenlernte. Er hatte einen sehr seltenen Tumor direkt am Herzen. “Die undichte Stelle in der Zeit suchen“ nannte Klavki seine Art zu schreiben und bezog das auch auf den Krebs, den er als die “Wunde Text“ in ihm begriff. Er war bereits sehr krank, als er mich in meinem Café besuchte und doch wollte er unbedingt lesen, unbedingt mitteilen, sozial sein, solange es ging. Es ist schwer zu beschreiben – hier wieder ein Hinweis auf meine Grenzen – aber, es ging eine Magie von diesem Menschen aus, die sich auch auf die Gäste der Lesung übertrug. Meine Arbeit als Organisatorin von Literaturveranstaltungen bekam einen neuen Anstrich und ich wusste, warum ich diese Arbeit machte und was der Sinn war. Wir alle im Raum teilten Freud und Leid seiner Geschichten und Gedichte. Wir waren ihm nahe und begriffen das Leben ein wenig mehr. Er las, unter anderem aus seinem Band “Lebendig“ vor, ein kleines gelbes Heftchen, das er selbst erstellt hatte. In diesem Text ging es um die emotionalen Erfahrungen mit dem Krebs, die Angst vor dem Tod und was von einem bleibt, und um all das, was ein Mensch fühlt, wenn er sich erinnert, wenn er trauert und wenn er hofft. Wir fanden uns alle wieder in diesen Gedankengängen und erkannten uns selbst.

Hier an dieser Stelle trat dann Botho Strauß das zweite Mal in mein Leben. Klavki benutze ein Zitat von ihm in seinem Text, das wie folgt lautet:

“Zeit ist der Vorname der Farbe Weiß.“

Klavki schrieb dann weiter:

“Zeit ist alles und wenn die Farbe Weiß eigentlich alle Farben ist, dann ist sie ein unsichtbarer Regenbogen. Was sehen wir schon? Ich glaube an nichts mehr, außer an Wunder.“

Diese Worte haben mich nie wieder losgelassen. Sie sind ein unverzichtbares Element meines Lebens geworden und das kleine gelbe Heftchen begleitet mich auf all meinen Wegen. Klavki und ich sind Freunde geworden. Freunde, die ein besonderes Verhältnis zueinander haben. Solche Verhältnisse brauchen keine Quantität, sondern sind allein durch die Intensität der Momente und des geistigen Austausches geprägt. Liebe beschreibt dieses Gefühl, eine achtsame, mitfühlende und im großen Sinne gesehene Liebe. Ich kann mit Recht behaupten, das Klavki mein Leben verändert hat. Wir haben uns viele Briefe geschrieben und ich habe ihn mehrmals in Kiel besucht und seine Familie und Freunde kennengelernt. Wir fühlten uns, wie ein gemeinsames Teil, des großen ganzen. Klavki starb am 04. April 2009 im Alter von 36 Jahren an seinem Tumor. Ich war bis zu diesem Ende an seiner Seite.

Auch Botho Strauß ist ein Begleiter geworden. Ich habe seine Bücher und Theaterstücke gelesen und halte ihn für einen der größten Denker unserer Zeit. “Paare und Passanten“ ist unweigerlich verwoben mit der Erinnerung an Klavki und darüber hinaus ein unbedingter Ratgeber. Es ist eine kluge und beeindruckende Zeitkritik, die sich ausschließlich an den einzelnen Menschen richtet und aufzeigt, wie fehlbar wir alle sind. Es gibt also noch viel zu lernen. Wann immer ich mir dieses Buch vornehme, fühle ich mich nicht mehr einsam, weil ich das Gefühl habe, dass es einen Ausdruck gibt, für das, was ich denke und empfinde.

Ein Sprachrohr für meine Gedankenwelt. Botho Strauß nimmt sich die Freiheit des Denkers und versteht es, Stimmungen, Situationen, menschliche Schwächen und Stärken so minutiös auf den Punkt zu bringen, das ich Glück beim Lesen erlebe, die die Hoffnung erlauben, das es eine Moral gibt, auch wenn die Welt voller Schwächen ist.

Worte, wie Liebe und Freundschaft werden vom Schmutz der Unzulänglichkeit befreit und stehen wieder einzeln in ihrer ursprünglichen Bedeutung. Wenn jemand in der Lage ist, so genau hinzusehen, dass er die Schwächen und Fehler der Menschen erkennt, dann kennt er die Stärken und die Schönheit umso mehr.

“Wir haben ja Flügel, Mensch: unser Herz!“

(Zitat: Klavki)

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