Freundinnen

Sie bekam Besuch. Sie hatte sich gekümmert, wie immer. Es ging ihr nicht um eine äußerliche Ordnung, es ging um eine innere Haltung. Da wurden Bücher an eine bestimmte Stelle gelegt, Bilder so gehängt, das sie gesehen wurden. Fotos wurden unordentlich genau und scheinbar wahr los ins Sichtfeld gelegt und, wenn, wie gewünscht, eine Frage oder Äußerung dazu gemacht werden würde, dann gab es natürlich die passende, unterhaltende Geschichte dazu, eine, auf die man natürlich stolz sein konnte. Abgründe, Selbstdarstellung? Ein Defizit? Ihre Meinung darüber war vielfältig. Ein Teil in ihr glaubte, sie sei oberflächlich, wollte wirken, wie jemand, der sie nicht war, das einfache Bedürfnis zu gefallen. Warum eigentlich? Dieser Mensch! Dieser Mensch, der sie wirklich ist, ist doch ein jemand. Warum reichte ihr das nicht? Warum würde es den anderen nicht reichen? Vielleicht ist es ein tiefes menschliches Bestreben, etwas, was jeden einzelnen voran treibt. Ein Gemisch aus Zukunft, Wünschen und Vorstellungen und nicht zu vergessen aus Träumen. Oh, ja, sie lebte oft in ihren Träumen. Stärke, Größe, Weisheit, grenzenlos. Und das Wichtigste, es gab keine Angst. Über sich hinaus wachsen, nichts zu fürchten, alles fühlen und sagen können und immer das zu bekommen, was man wollte. Großartig. Es gab keine Missverständnisse, sicher gab es mal Streit aber der wurde klug und gerecht geregelt. Sie fand es nur verständlich, das sie oft dorthin wollte, in ihre bezaubernde Traumwelt, sie dachte jedem geht es so. Ein zweiter Aspekt dieser, nennen wir es mal Flucht vor sich selbst, waren die vielen Geheimnisse, die sie hatte. Dinge, die sie niemals offen leben konnte, sie dachte, alle Menschen würden sich von ihr abwenden, wenn sie wüssten, wer sie wirklich war. Also, mussten diese Geheimnisse gut geschützt werden, oft waren es nur Gedanken, ja, viele ihrer Gedanken waren geheim. Niemand durfte je etwas davon erfahren. Sie könnten verletzend sein, peinlich, unrealistisch und und und. Niemand würde ihr je mehr etwas glauben. Alle würden sie verachten und ungerecht finden. Aber es war auch nicht schwer, diese Gedanken zu verheimlichen, sie musste sie ja nur nicht aussprechen und es gab genug erprobte und passende Denk- und Gefühlsvorlagen, in die man sich gut einordnen konnte. Viele vor ihr, haben es so gehalten und gute Erfahrungen damit gemacht und viele werden es mit ihr und nach ihr tun. Es war das Beste so. Bloß nicht ehrlich sein, wer sollte einen dann noch mögen, lieber schöne Geschichten erfinden, schöne Bilder malen, dann passt man einfach besser.

Es klingelte und da sie, soviel, ja zu viel nachgedacht hatte, hatte sie die Zeit vergessen. Sie hasste es nicht fertig, nicht gut genug vorbereitet zu sein. Sie dachte immer, das andere das als Beleidigung, ja, als Missachtung verstehen würden. Und nur, weil Höflichkeit eine menschliche Tugend ist, sagte ihr das niemand. Ihre Freundin betrat die Wohnung, sie umarmten sich und lachten. Sie hatte, wie fast immer, ein Handtuch auf dem Kopf, weil sie sich in letzter Minute das Haar gewaschen hatte. Sie versuchte, den Blick eines Gastes einzunehmen, um die Sicht der Freundin zu erraten. Sie begaben sich in die Küche und sie hatte ein gutes Gefühl, da sie und ihre Freundin eine lange Geschichte miteinander hatten. Sie würde mir ein wenig Chaos vergeben, ging es ihr durch den Kopf.

Außerdem könnte man dann sozusagen zu Plan B übergehen. Chaos heißt ja auch, sich nicht anpassen und das hatte individuelle Züge. Aus dem Backofen zog ein vorzüglicher Duft durch die Räume und der Kühlschrank brummte leise vor sich hin. Die Kinder schauten fern und naschten von einem Obstteller klein gemachte und hübsch angerichtete Vitamine. Das war ein Pluspunkt und auch dass sie ins Wohnzimmer rief: Nur noch 10 Minuten fernsehen und dann geht ihr schlafen, ihr könnt gern noch ein Buch ansehen oder eine Geschichte hören. Ja, das wirkte gut. Sie war sich nicht sicher, ob sie das alles nur inszenierte oder ob es nicht doch auch ein Stück ihrer Wahrheit war. Sie erzählte ihrer Freundin ein paar Anekdoten ihrer Kinder und von dem neuen Hörbuch, was sie gekauft hatte. Wertvoll natürlich, ein Kinderbuchklassiker. Sie bemerkte, dass alles, was sie sagte, ein Stück Realität und ein Teil Wunschdenken war. Sie trug die Teller aus dem Wohnzimmer, wusch sie ab und unterhielt sich über alltägliche Dinge. Wie sehr der Haushalt nervte, die Arbeit und das man alles ja nur positiv sehen müsste um einen Sinn darin zu sehen. Die Kinder gingen brav ins Bad, um sich Bett-fertig zu machen und sie deckte den Tisch, während sie fröhlich weiter schwatzten. Wein wurde eingeschenkt, Teller gefüllt und ein ernstes Wort ins Kinderzimmer geschickt. Wohl beide dachten darüber nach, was der Abend bringen würde. Würde es eine Tiefe geben, eine Verbundenheit, die sentimental machte? Oder eher Konfrontation, verschiedene Meinungen, bei denen man sich eher voneinander entfernte? Alles offen. Das Essen schmeckte großartig, Wein wurde nach geschenkt und die Stimmung lockerer. Die Freundin sprach von der Bedeutung der Intensität zu anderen Menschen und das es wichtig sei, sich miteinander zu beschäftigen. Sie dachte, oh, mein Gott, jetzt fehlt nur noch das Wort Mädelsabend und sie würde dieses Gespräch hassen. Im selben Moment schämte sie sich für ihre Gedanken. Es war doch nur nett gemeint und sie fühlte sich ungerecht. Wer weiß, wie oft sie unbedachte Sachen sagte. Aber sie hasste nun mal, dieses oberflächliche Geplausche über intensive Zwischenmenschlichkeit. Sie schenkte erneut Wein ein und hoffte immer noch inständig, das diese Kategorisierung von gleichgeschlechtlichen Treffen nicht fiel. Ihre Freundin fühlte sich erheitert und hatte eine gelockerte Zunge, was wohl vor allem am Wein lag. Sie redeten über andere, die sie kannten und die sich natürlich irgendwie immer falsch verhalten. Die es nicht auf die Reihe bekommen, mal sensibel zu sein und mehr nachzudenken. Aber das man sie trotzdem mögen würde, weil es ja gerade ihre Unvollkommenheit sei, die sie so liebenswert erscheinen lassen. Sie kamen zu dem Schluss, das ja niemand perfekt ist und fertig in seiner Entwicklung. Trotzdem sei es wichtig, das man die Fehler, der anderen erkennt und auch ausspricht. Ein bestimmtes Bewusstsein ist für alle unumgänglich, damit man es besser machen kann und wie soll man dort hinkommen, wenn niemand es erkennt und ausspricht. Sie fühlten sich beide ein wenig unwohl, in diesem Gespräch. Wer kennt das nicht? Man redet über andere, denkt auch, man hat das Recht und die nötige Befähigung zu urteilen und fühlt sich immer ein wenig schlecht dabei, weil es ja nicht ganz sauber ist. Deshalb tut man eine Portion Bewusstsein hinzu, damit der Schmutz weg gewaschen wird. Man denkt eben nach und das nicht nur über sich. Die Zeit verging und durch den Wein wurden die ernsthaften Gedanken über andere in ein sarkastisch – ironisches Licht getaucht. An so einem Punkt blieb es nicht aus, dass man auch über sich selbst redete. Ja! Man nahm sich nicht raus, man übte in so einem Geisteszustand Selbstkritik, erklärte seine Fehler und Defizite und man entschuldigte sich und war bereit sich zu ändern. Das unterschied einen eben von den anderen. Sie waren einfach nicht bereit sich zu ändern. All ihre Fehler, all das worin sie grob waren, uneinsichtig und stur, das war nicht das Problem. Das ist doch nicht schlimm, aber der Wille zum wiedergutmachen und sich bessern, etwas annehmen und einsehen, ja, das musste doch folgen. Darin waren sich die beiden Freundinnen einig. Sie sahen sich an und ein tiefes, befriedigendes Gefühl erfüllte den Raum. Sie hatten sich gern, weil sie doch so viele Dinge ähnlich sahen. Die Tatsache, das sie nicht immer aufrichtig zueinander waren, bedeutete ja nur Schutz vor der eigenen Unsicherheit. Hatte man denn immer recht? Es war nicht nötig, den anderen zu verletzten mit seinen eigenen Ansichten. Wer ist schon immer sicher, bei dem was er tut und denkt. Jeder ist manchmal stur und hört dabei auf zu denken, hat seine Muster im Kopf und kann sie nicht verschieben, weil damit alles durcheinander kommen würde. Die eigene Welt würde auf dem Kopf stehen. Prinzipien und Ziele würden ihren Sinn nicht mehr erfüllen. Deshalb die Traumwelt und deshalb manchmal die Unwahrheit. Der Wein war alle und die Zeit vergangen wie im Fluge. Beide hatten aber noch keine Lust, den Abend zu beenden. Jeder von ihnen hatte noch etwas auf dem Herzen, was er unbedingt sagen wollte, weil es der Stimmung entsprach und weil es bis zum nächsten Wiedersehen längst wieder anders sein könnte. An solchen Punkten wird es dann oft sehr sentimental. Man vertraut dem anderen Geheimnisse an, ja, tatsächlich man wird ehrlicher, natürlich bedacht portioniert, zu viel ist auch nicht gut, weil man sich dann angreifbarer fühlt. Aber man lässt den anderen tatsächlich in seine geheimsten Karten schauen. Nur ein kurzer Blick aber immerhin hat der andere einen kurzen Einblick wer der andere wirklich ist. Jetzt reden die Menschen von ihren Beziehungen, von ihrem Status von ihrer Anerkennung. Von dem, was sie verletzt, sie klein macht und unsicher, aber auch von dem, was sie sich wünschen und was sie glücklich macht. Das ist das Wunder Freundschaft. An diesem Punkt wird die Mauer, die man zum eigenen Schutz erbaut hat, eingerissen, der Mantel in den man sich gehüllt hat, abgeworfen und die Maske abgenommen.

Alles nur für einen kurzen Moment, aber dieser kurze Moment kann für jeden Menschen alles bedeuten. Aufgenommen zu sein, sich einordnen zu können, anerkannt auch mit seinen Fehlern. Dieser Moment kann mit dem Wort Glück beschrieben werden, etwas, was einen hoffen lässt, das Gefühl sich selbst einen Schritt näher gekommen zu sein. Die beiden Freundinnen schweigen jetzt, nachdem sie dieses Wunder wahrgenommen haben. Sie sind ein wenig verschüchtert, stehen sich sehr nahe und große Gedanken kommen auf. Sie lieben sich ohne das sie damit irgendein Klischee meinen. Es ist drei Uhr nachts und irgendwer von ihnen beginnt mit dem Gähnen. Sie wollen beide nicht die Stimmung durchbrechen, wollen noch einen Moment verweilen in diesem berauschenden Gefühl nicht alleine zu sein. Dass sie beide einen Wegbegleiter haben, lässt die eigene Welt schöner erscheinen. Die Küche ist ein Schlachtfeld, all die gewünschte Ordnung zu Beginn des Abends ist dahin und war es doch wert um am Ende an diesen Punkt zu kommen. Sie sind sich einig, dass niemand gern allein ist und dass sie froh sind sich zu haben. Ein wenig betrunken, drücken sie sich noch mal unbeholfen, weil ein Stück Distanz aufgehoben ist und das manchmal ein komisches Gefühl ist. Nähe ist gut, macht aber auch Angst. Wieder dieser Urinstinkt, der einen überfällt, aber auch vorantreibt. Jedes zwischenmenschliche Gefühl ist von diesen 2 Seiten geprägt. Dieses unendliche Glück jemandem nahe zu sein und diese Angst, das es nicht wirklich ist, das man sich etwas vormacht oder es durch übertriebene Euphorie zerstört. Sicherheiten gibt es nicht, vielleicht doch, aber wenn, dann nur für einen kurzen Moment. Nehmen wir das Beispiel der ersten Liebe zwischen Mann und Frau. Wenn man das erste Mal in Augen sieht, die die Wahrheit sagen. Dieses überschäumende Gefühl, jemandem begegnet zu sein, der ein wenig mehr über einen erfahren darf, weil man sich sicher fühlt und behütet und glaubt, dass dieser Mensch mit der Wahrheit behutsam umgehen kann. Das ist die Liebe und sie hat viele Gesichter. Sie findet auf verschiedenen Ebenen statt und unter verschiedenen Partnern, Freunden, Wegbegleitern, Kindern und sie ist der Antriebsmotor, um alles zu erreichen, was man sich wünscht. Die beiden Freundinnen reden noch ein wenig an der Tür, loslassen fällt schwer. Sie verabschieden sich und beide hoffen sich bald wiederzusehen und noch wenigstens eine kurze Weile von diesem Gefühl zerren zu können. Die Tür fällt ins Schloss und jeder ist nun für sich. Beide umgab der süße Duft des Beieinanderseins. Der Weg ins Traumland war an diesem Abend für beide eine entferntere Vorstellung.

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