Der Ratschlag

Leise und vorsichtig schloss sie die Wohnungstür auf und betrat den Flur. Sie wusste nicht, ob er zu Hause war und sie wollte ihn auf keinen Fall stören. Eine beschauliche Vertrautheit umhüllte sie. Sie legte ihren Mantel ab und schaute sich um. Es war ein Teil von ihr in diesen Räumen, etwas, was sie als Sicherheit empfand. Und es gab etwas Fremdes, etwas anziehend fremdes, abenteuerliches. Etwas, das es galt zu entschlüsseln. Das war er.

War sie angekommen? War es das, was sie immer vermisst und gesucht hatte, etwas, was man zu Hause nennt? Jeder Gegenstand, jedes Möbel erinnerte sie an glückvolle Momente. Es gab keine Trauer, kein Unglücklich sein mehr. Sie sah seine Jacke und lauschte an seiner Zimmertür aber es war nichts zu hören, kein Laut. Sollte sie klopfen? Ihre Sehnsucht nach seinen liebevollen Augen war groß aber sie zögerte. Er war sehr nachdenklich in letzter Zeit, nicht abweisend oder so, nein nur sehr nachdenklich und sie wusste nicht, ob und was ihn bedrückte.

Vorsichtig drückte sie die Türklinke zu seinem Zimmer hinunter und betrat seinen Raum. Er denkt immer zu viel, geht es ihr durch den Kopf. Stundenlang sitzt er einfach nur da und denkt. Sie hat keine Ahnung, worüber und was es ist, was ihn so sehr beschäftigt.

Er dreht sich zu ihr um und lächelt sie verlegen an, so als sei er bei irgendwas ertappt worden. Dreht sich aber sofort wieder weg und senkt seinen Blick. Einen kurzen Moment ist alles still. Kein Laut, keine Bewegung. Ohne sich zu regen, schaut sie sich in seinem Zimmer um. Es ist so ganz anders, wie ihr Zimmer. Es gibt nichts, was ablenken würde, keine Sinnlosigkeiten, klar, ordentlich und praktisch. Und überall sind Bücher. Bücher über Bücher. Jedes Mal, wenn sie sein Zimmer betritt, beschleicht sie so etwas, wie Ehrfurcht. Ehrfurcht vor dem gesammelten Wissen und Angst vor der Entblößung ihres Nichtwissens. Dass er, wenn er dahinter kommen würde, sie nicht mehr wollte, sie nicht mehr lieben könnte.

Plötzlich in die Stille hinein sagt er zaghaft:“ich kann nicht mehr reden. Pause. Ich kann einfach nicht mehr reden. Verlegen schaut sie ihn an, spürt seine Verzweiflung und versteht nicht. Vergebens sucht sie nach Worten aber alles was sie sagen will erscheint ihr dumm und unüberlegt. Sein Gesicht ist ihr jetzt zugewandt. Er schweigt und sieht gequält aus, so als würde alle Last der Welt auf seinen Schultern ruhen. Unsicher und leise sagt sie mehr in den Raum, als zu ihm: Aber, du redest doch, es macht doch immer Sinn, was du sagst…Mit leidenschaftlichen Augen versucht sie seinen Blick zu fangen, möchte ihn in die Arme nehmen, ihn trösten und bewahren. Sie möchte glücklich sein mit ihm. Er springt aus seinem Sessel auf: Versteh doch, versteh doch, ich kann nicht mehr reden. Kein Wort, was von Bedeutung wäre, was wert wäre ausgesprochen zu werden. Ich meine nicht das verfügbare Reden, die alltäglichen Worte, nicht das was jeder kann und tut. Ich meine, die Worte die wichtig sind um das Leben zu verstehen, Rätsel zu lösen und Menschlichkeit in ihrem ureigensten Sinne zu beschreiben. Ohne Pause redet er auf sie ein, nimmt sie gar nicht mehr wahr, will nur noch seinen Schmerz loswerden. Meine Gedanken ermatten mich, keine Reihenfolge, keine Ordnung. Ich weiß nicht, was ich fühlen und denken soll. Es gibt kein Prinzip mehr, nichts an das ich mich halten und an dem ich mich orientieren kann. Keine Grenzen. Wie soll ich so leben können? Versteh doch, mein Dasein erfüllt keinen Zweck mehr. Die Menge meiner Gedanken würde den Himmel füllen, weit über das was das Auge erblicken kann, ein ganzes Meer, wenn jeder Gedanke nur ein winziger Tropfen wäre aber es ergibt keinen Sinn. Ich kann nichts damit anfangen, nichts verändern und bewirken. Wozu all das Wissen, wenn es nicht zusammenpasst. Er holt tief Luft und stößt einen Seufzer aus. Ich weiß, du kannst nicht verstehen, was in mir vorgeht, wie ich fühle. Und du kannst mir nicht helfen. Es tut mir leid, das ich dich mit meiner Dummheit belaste. Du warst immer rein und klar und dein Handeln war natürlich und unbefangen. Du kennst solche Sorgen nicht. Du bist ein freier Mensch, ich dagegen bin gefangen, geplagt mehr und mehr in mir aufnehmen zu müssen. Ich kann nichts seinem Lauf überlassen, ich brauche Erklärungen. Aber du musst das jetzt ertragen, denn früher oder später werde ich auch dich nicht mehr lieben können. Ich fürchte, so wird es kommen und ich möchte, das du weißt, das du nichts dafür kannst, das es nicht deine Schuld ist. Das Wissen ist schuld daran, das verdammte Wissen. Nein, Moment, Moment, das ist falsch nicht das Wissen ist es, sondern ich bin es, der damit nicht umgehen kann. Ich habe dich sehr gemocht, aber meine Gedanken über dich sind wirr und ich kann die Gefühle zu dir nicht mehr deuten. Ich darf dir nicht unrecht tun. Ich weiß, das du mich für all das was ich sage verachten wirst. Aber ich verstehe mich selber nicht, wie soll ich dich noch wahrnehmen? Ich würde dir so gern gerecht werden, aber ich kann es nicht.

Während sie versuchte ihm zuzuhören, durchzuckte sie der schmerzliche Gedanke der Trennung. Sie wollte das alles nicht hören, sie verstand diese seine Qual nicht. Als er ihren Blick sah, schwieg er. Er hatte sie doch so gern und wollte ihr nicht wehtun. Aber er war sich sicher, das es nicht anders ging, es würde nur Verzögerung bedeuten und schlimmer werden. Er hatte keinen Platz in diesem Leben, keine Aufgabe und keine Sicherheiten. Er durfte sie da nicht mit hinein ziehen.

Ein tiefes, fast unheimliches Schweigen legte sich in den Raum, einer Schwerelosigkeit gleich. Jeder war für sich. Keiner wusste etwas zu sagen und keiner konnte erahnen, was der andere dachte und fühlte.

So blieb es viele Minuten lang, unendliche Minuten.

Mit einem Ruck ging sie plötzlich auf ihn zu, sah ihn lächelnd an und sprach mit ruhigem Ton. Eine tiefe Zufriedenheit untermalte ihre Sätze. „Ich liebe dich und ich habe eine Lösung für dein Problem. Es ist mehr ein Ratschlag, als eine Lösung. Du kannst ihn befolgen und vielleicht glücklich werden oder du trägst deinen Kummer weiter mit dir herum. Selbstbewusst und sicher sah sie ihm in die Augen. Er war verblüfft und irritiert. Er schwankte zwischen Lächerlichkeit, die durchaus keine Boshaftigkeit meinte und Neugier. Er hatte doch Tage und Nächte damit verbracht, eine Lösung zu finden. Er hatte gelesen und gelesen und nachgedacht und nachgedacht. Er ist fast verrückt geworden darüber, nicht mal ein Ansatz hatte er gefunden. Alles schien nur noch wirrer zu werden. Sie konnte keine Lösung haben. Nein, nicht sie. Sie lebte doch in einer ganz anderen Welt, sie sah die Dinge mit anderen Augen, ein verschleierter, sensibler Blick. Man kann nicht alles mit Gefühl erklären. Er war er und sie eben sie. Er könne sich doch nicht ihre Gedanken einverleiben und ihr Leben führen. Als sie ihre Stimme erhob und ansetzte, um weiterzureden, wusste er nicht, was er denken sollte und ob er ihr überhaupt zuhören mochte. Er wollte sie nicht noch mehr verletzen. Und das würde er, wenn er ihr erklären müsste, das sie keine Ahnung hat, was mit ihm passiert. Sie bemerkte seine Zweifel, sprach aber unbeirrt und sicher weiter: du musst einfach alles brauchbare an Gedanken ausdrücken und das, was du zur Zeit nicht verwenden kannst, weil es dich unsicher macht, musst du beiseite tun. Nicht vergessen, nein, das meine ich nicht. Es wird einen Zeitpunkt geben, wo es einen Sinn macht genau das zu denken. Wie ein Puzzle, die richtigen Teile zur richtigen Zeit. Verstehst du? Das ist das Kunststück Leben. Ein Werk, das sich zusammensetzt und immer wieder neu erfindet. Immer neue Teile, die einen Platz finden in der großen Ordnung. Verstehst du nun? Verstehst du nun endlich? Er hatte ihr gebannt zugehört und war starr vor Erstaunen. Erwartungsvoll und ungeduldig ging sie im Zimmer auf und ab. Das ist es rief er aus, das ist die Lösung. Er lief zu ihr hinüber, da er die große Distanz zu ihr nicht mehr ertragen konnte. Er nahm sie in seine Arme und wollte sie nie wieder loslassen. Er küsste sie und sah ihr voller Dankbarkeit in die Augen. Und was ist es, fragte sie. Er wiederholte nur andauernd, du hast mich gerettet. Du hast mich tatsächlich gerettet, verzeih mir meine Zweifel. Nun sag schon, was ist denn nun übrig geblieben? Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Feierlich verkündete er:

ICH LEBE.

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